Cover
Titel
Rain of Ash. Roma, Jews, and the Holocaust


Autor(en)
Joskowicz, Ari
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 351 S.
Preis
$ 32.00; £ 25.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim B. Müller, Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg, Mannheim

Im Norden Israels, in Reichweite der Hisbollah-Raketen, liegt der Kibbuz Lochamej haGeta’ot. Überlebende des Warschauer Ghettoaufstands und des Holocaust begründeten 1949 diesen Ort und errichteten dort das Haus der Ghettokämpfer, eines der weltweit ersten Museen, das die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und den jüdischen Widerstand dokumentierte und an die Ermordeten erinnerte. Immer wieder waren und sind dort auch anderen Opfergruppen des Nationalsozialismus Ausstellungen gewidmet, zuletzt etwa den ermordeten Kindern, die Sinti oder Roma waren.1 Gegenwärtig ist das Museum wegen des Krieges geschlossen.

Unter den Gründerinnen des Kibbuz wie auch des Museums war Miriam Novitch (1908–1990), geboren in Belarus und ausgebildet in Wilna, die in der französischen Résistance gekämpft und ein deutsches Internierungslager überlebt hatte. Sie ist eine der Gründermütter der Holocaust-Studien: Noch während des Krieges begann sie mit dem Sammeln von Dokumenten, kuratierte bald Ausstellungen, förderte junge Forschende und hinterließ ein umfangreiches wissenschaftliches Werk über Deportation, Ermordung und Widerstand der europäischen Jüdinnen und Juden. Ihr verdanken wir auch eine der ersten Studien über den Völkermord – sie sprach im Französischen vom „génocide“ – an den Sinti und Roma Europas. Novitch ist nicht nur eine der allzu oft vergessenen Historikerinnen, die am Anfang dessen standen, was sich als historisches Bewusstsein nach Auschwitz, nach dem Zivilisationsbruch herausbildete, dabei unbestechlich ihr Augenmerk auf Tatsachen und Details richtend, mit einem Sinn für menschliche Kreativität und Ringen um Würde auch angesichts des Todes. Sie verkörpert zudem das jüdische Engagement für die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma nach 1945, die im Mittelpunkt der exzellenten Studie „Rain of Ash“ von Ari Joskowicz steht, der an der Vanderbilt University jüdische Geschichte lehrt: „She was the first to undertake a global history of the Romani genocide.“ (S. 158)

Wie steinig, gewunden, zeitweilig geradezu unpassierbar dieser „lange Weg zur Anerkennung“ war, hat für die Bundesrepublik erst vor kurzem Sebastian Lotto-Kusche gezeigt.2 Trotz zahlreicher Überschneidungen zwischen beiden Büchern überwiegen die je eigenen Zugänge. Während Lotto-Kusche sich auf die Bundesrepublik beschränkt und sich auf staatliche (und staatsnahe) Akteurinnen und Akteure konzentriert, weitet Joskowicz den nationalen Horizont und nimmt vorrangig für die Sache der Sinti und Roma engagierte Protagonistinnen und Protagonisten der Wissenschaft, des Rechts und der Zivilgesellschaft in den Blick. Die Nähe dieser jüdischen Stimmen zum Kampf der Sinti und Roma um Anerkennung und Gleichberechtigung ist bislang kaum gewürdigt worden – sowohl der Einsatz aus universalistisch-menschenrechtlicher Empathie und Überzeugung als auch die aus dem immer präsenten gemeinsamen Verfolgungsschicksal geborene Wahlverwandtschaft zwischen beiden Gruppen, die den Holocaust erlitten hatten.

Instruktiv ist auch Joskowicz' Diskussion begrifflicher Fragen. So weist er darauf hin, dass trotz der – mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum – immer häufiger werdenden Verwendung das Wort „Porrajmos“ für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegenüber Sinti und Roma innerhalb vieler Romani-Minderheiten nicht anerkannt ist. Völkermord und „Holocaust“ bleiben aus seiner Sicht die passenderen Bezeichnungen (S. 20). Zu historiographischen Balanceakten fordert ein von Joskowicz scharf beobachtetes Spannungsverhältnis heraus: Einerseits erheben neuere Forschungen den Anspruch, eine gemeinsame, europäische oder internationale Geschichte der Sinti und Roma zu begründen – die zunehmend auch als eine antiziganismuskritische Geschichte einer „Roma-Nation“ in „empowernder“ und bewusstseinsschärfender Absicht geschrieben wird. Andererseits steht die Forschung noch immer vor der Aufgabe der Dekonstruktion von essentialisierenden, kulturalisierenden oder ethnisierenden Deutungen eines Roma-Kollektivs, um die lange Tradition des Antiziganismus als „kultureller Code“ (wie sich in Anlehnung an Shulamit Volkovs Interpretation des Antisemitismus sagen ließe) zu überwinden (S. 18).

„Rain of Ash“: Der Buchtitel stammt aus einem Gedicht des großen jiddischen Dichters Abraham Sutzkever von 1945/47, in dem dieser die Ermordung von Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden gleichermaßen betrauerte. Joskowicz geht in seiner Studie chronologisch vor. Das erste Kapitel sucht nach dem zeitgenössischen Wissen über das gemeinsame Erleiden des Völkermords in den Vernichtungslagern und bei den Massenerschießungen im Osten Europas. Im Anschluss fragt Joskowicz nach frühen Formen der Selbstorganisation und Interessenvertretung unter Sinti und Roma in Deutschland nach 1945. Die Ansätze blieben fragmentarisch, die alliierten Besatzungsmächte zeigten sich den überlebenden Sinti und Roma aber durchaus zugewandt. In der unmittelbaren Nachkriegsphase nahmen sich jüdische Einrichtungen – namentlich der zuletzt in der Forschung schärfer konturierte Staatskommissar Philipp Auerbach3 – immer wieder der Belange der Sinti und Roma an, wenn auch nicht ohne Ambivalenzen. So ließ Auerbach etwa, in Fortführung der seit dem späten 19. Jahrhundert etablierten systematischen polizeilichen Überwachung, die zur Grundlage der Verfolgung und schließlich des Völkermords wurde, antragstellende Sinti und Roma, die „Wiedergutmachung“ anstrebten, auf mögliche Verbrechen überprüfen. Bis in die 1960er-Jahre blieb die Zahl der jüdischen Unterstützerinnen und Unterstützer der Sache der Sinti und Roma klein.

Allerdings hatte sich schon Raphael Lemkin, woran das dritte Kapitel erinnert, bei der Ausarbeitung seines Genozidbegriffs auf den Völkermord an den Sinti und Roma bezogen. Vereinzelt sammelten unmittelbar nach Kriegsende jüdische Einrichtungen (wie das „Centre de documentation juive contemporaine“ in Frankreich) oder jüdische Wissenschaftlerinnen (wie Dora Yates bei der britischen „Gypsy Lore Society“) Zeugnisse des Völkermords. Im vierten Kapitel rekonstruiert Joskowicz die asymmetrische Präsenz von Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma vor Gericht in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Die Prozesse, in denen die Aussagen überlebender Sinti und Roma oder Dokumente zum Völkermord an diesen Gruppen eine wichtige Rolle bei der Verurteilung von Täterinnen und Tätern spielten, waren gering an Zahl – der Frankfurter Auschwitz-Prozess wäre hier zu erwähnen –, und doch waren auch Sinti und Roma von Anfang daran beteiligt, welche Vorstellungen von historischer Gerechtigkeit sich nach 1945 ausbildeten. Die Zeugenaussagen und das vor Gericht zutage geförderte Material bereicherten zugleich die Forschung über Verfolgung und Völkermord.

Das fünfte Kapitel, das sich der Rolle jüdischer Institutionen bei der Formierung von „Romani Holocaust Scholarship“ widmet, stellt das Zentrum des Buches dar. Neues zur Diskussion bietet die Rekonstruktion des Netzwerks um Kurt May, Direktor der „United Restitution Organization“ in Frankfurt (S. 138–148). May war in einem zähen Ringen entscheidend daran beteiligt, dass die rassistische Verfolgung der Sinti und Roma in der Bundesrepublik anerkannt wurde. Gemeinsam mit dem jüdischen Juristen Franz Calvelli-Adorno erreichte er, dass der Bundesgerichtshof 1963 sein Skandalurteil von 1956 revidierte, in dem ungebrochen nationalsozialistische antiziganistische Vorstellungen vertreten worden waren. Hier lässt Joskowicz bislang kaum beachtete Konturen einer anderen Geschichte der frühen Bundesrepublik aufscheinen. Der Kreis um May und Calvelli-Adorno verdient einen prominenten Platz im Pantheon der Nachkriegszeit. Auf ihrer Arbeit fußten auch die ersten Anstrengungen zur historischen Aufarbeitung von Verfolgung und Völkermord aus den Romani-Minderheiten heraus, von Rudolf Karway über Ionel Rotaru bis zu Gratton Puxon (der gemeinsam mit seinem jüdischen Kollegen Donald Kenrick ein wegweisendes Werk verfasste).4 Die Schlüsselinstitutionen, an denen die Forschung über den „Romani Holocaust“ fachlich etabliert und in die internationale NS-Forschung eingeführt wurde, waren wiederum vor allem der jüdischen Geschichte gewidmete Einrichtungen, an erster Stelle die „Wiener Library“ in London und Miriam Novitch am Haus der Ghettokämpfer in Israel. Auch Simon Wiesenthal stritt früh für die Anerkennung der Opfer des Holocaust, die Sinti oder Roma waren.

An diese Dichte reicht das sechste Kapitel, das sich bis zur Gegenwart erstreckt, nicht ganz heran. Erhellend sind die Erörterungen der Debatten um „Opferkonkurrenzen“, nicht erst – wie bestens bekannt und vielfach aufgezeigt – in Verbindung mit den Berliner Holocaust-Denkmälern, sondern schon im Zusammenhang der Entstehung des „United States Holocaust Memorial Museum“, wo Romani-Gruppen zunächst keine Berücksichtigung fanden, aber die leitende Historikerin Sybil Milton den Horizont der Erinnerung um den Völkermord an den Sinti und Roma erweiterte und für die internationale Forschung wichtige Impulse setzte.5

Joskowicz schließt mit dem Hinweis, dass Sinti und Roma heute im Unterschied zu anderen NS-Opfergruppen den anti- und postkolonialen Diskurs für sich in Stellung bringen können, aber Nachkommen und Aktive aus den Selbstorganisationen zugleich stets die Verbundenheit mit der jüdischen Opfergruppe und auch mit dem Staat Israel betonen. Joskowicz' Urteil ist in diesen Tagen bemerkenswert: „Romani activists found ways to combine Fanonism and Zionism in the 1970s and continue to do so.“ (S. 195) Gegen den neuen rechtspopulistischen Trend vor allem in Ostmitteleuropa wiederum gewann der Kampf gegen Antiziganismus jüngst öffentliche Statur – als ein weiteres Kernelement europäischer Überzeugungen, die die Menschenwürde ins Zentrum stellen: „Solidarity with Roma now signaled a defense of an embattled center, a political culture of human decency, and a hard-won liberal order that most speakers at Holocaust commemorations had championed for decades.“ (S. 198)

Ari Joskowicz' Studie über die „Jewish-Romani“-Allianzen wird sicher nicht das letzte Wort zum Thema sein, aber sie hat neue Perspektiven eröffnet und eine Nachkriegsgeschichte denkbar gemacht, die die Zentrierung auf die einstigen Täterinnen und Täter überwindet. Zugleich schärft Joskowicz unser Bewusstsein dafür, dass das, was wir heute für das Fundament unserer demokratischen politischen Kultur halten und um dessen Fortbestand wir immer häufiger fürchten, ohne dieses Engagement und diese Koalitionen von Verfolgten des Nationalsozialismus niemals seine prägende Gestalt hätte annehmen können. Insofern ist das Buch auch die Würdigung eines allzu lange verborgenen Vermächtnisses.

Anmerkungen:
1 Vgl. https://www.gfh.org.il/eng (20.11.2023).
2 Sebastian Lotto-Kusche, Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bundesrepublik. Der lange Weg zur Anerkennung 1949–1990, Berlin 2022; siehe dazu meine Rezension, in: H-Soz-Kult, 02.05.2023, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-131049 (20.11.2023).
3 Vgl. Hans-Hermann Klare, Auerbach. Eine jüdisch-deutsche Tragödie oder Wie der Antisemitismus den Krieg überlebte, Berlin 2022.
4 Vgl. insbesondere Donald Kenrick / Gratton Puxon, The Destiny of Europe's Gypsies, London 1972.
5 Vgl. Sybil Milton, Gypsies and the Holocaust, in: The History Teacher 24 (1991), S. 375–387, und die sich anschließende Kontroverse mit Yehuda Bauer, dies., Correspondence, in: ebd. 25 (1992), S. 515–521, sowie ihre darauffolgenden Arbeiten.